Strongman – Mein Training mit den Giganten

Sie sind unheimlich stark. Kreuzheben 500kg und so. Sie werden nicht umsonst Strongman Athleten genannt. Ich bin einer von ihnen. Seit vergangenem Samstag. Das Training war das mit Abstand härteste, das ich in meinem Leben getan habe. Ein Erfahrungsbericht.

Bevor wir zum härtesten Training aller Zeiten und zum absolut verrücktesten kommen, das ich in meinem Leben gesehen habe, muss ein Disclaimer hin:

Tut nichts, von dem ich in diesem Artikel rede, zu Hause. Tut schon gar nichts davon ohne Aufsicht eines Profis. Probiert das alles nicht „nur so aus Spass mal“ aus. Haltet euch Sorge.

Nun denn, lasst uns beginnen.

Der schwächste Starke

Meine Beine zittern. Sie fühlen sich leer an. Da ist nichts mehr, das mich auf den Beinen hält, aber ich stehe noch. Noch. Ich will mich hinsetzen. Ich muss mich hinsetzen. Sonst falle ich um. Vor knapp einer Stunde noch ging es mir super. Ich zog mir meine Schuhe an, wärmte mich auf und sah zum ersten Mal ein Strongman Yoke vor mir. Am Ende lief ich damit zwei Runden à 30 Meter mit 230 Kilogramm. Danach ging es mit Kraft und Energie steil bergab.

Ich setze mich auf einen Atlas Stone, eine Kugel aus Stein. In Wettbewerben wird die Kugel auf ein etwa kopfhohes Hindernis gehoben. Mir dient sie als Sitzgelegenheit. Derweil höre ich den anderen Strongmen zu, wie sie über den 350kg schweren Reifen in der Mitte des Raumes reden. Sechsmal soll er aufgerichtet werden, in möglichst kurzer Zeit. Sie machen sich daran. Der Reifen steht, knallt zu Boden, steht wieder.

Irgendwo finde ich noch ein bisschen Energie und stehe auf. Ich gehe auf den Reifen zu.

Vor fünf Monaten

Begonnen hat alles damit, dass ich nach einer Rückenverletzung im vergangenen Jahr und darauf folgender Physiotherapie entdeckt habe, dass ich die Muskeln in meinem Rücken extrem gut ansteuern und belasten kann. Nachdem ich vom Therapeuten und meinen Trainern die Freigabe für freies Training ohne therapeutische Massnahmen erhalten habe, habe ich begonnen, wieder mehr Gewichte zu heben.

Eines Tages zeigt mir einer meiner Trainer ein Video von sich, in dem er ein Satz Squats mit sechs Wiederholungen meistert. Auf seinen Schultern sind – Stange miteinberechnet – 130 Kilogramm.

Zu dem Zeitpunkt – das Video ist älter als sein Publikationsdatum – schaffe ich 110kg mit sechs Wiederholungen. Ich habe also ein Ziel. In wenigen Wochen schaffe ich das mit gezieltem Training, Geduld und Vorsicht.

Deadlifts sind eine andere Geschichte. Ich bin darin historisch schlecht und kann mir nicht erklären, wieso. Als ausgebildeter Journalist habe ich aber die Fähigkeit, Menschen zu beobachten und mir Details zu merken. Mit journalistischem Auge beobachte ich also Deadlifter bei uns im Fitness-Center. Besonders ins Auge sticht ist mir unser lokaler Natural Bodybuilder, der auch noch Veganer ist. Für seine Masse hebt er 170kg ohne Zughilfen. Beeindruckend.

Ich frage ihn, ob er mir mal zuschauen könne und meine Form kritisieren könne, weil ich rein von der Masse her mehr können müsste. Er ist damit einverstanden und so finde ich heraus, dass meine Kopfhaltung völlig falsch ist und ich meine Schultern zu sehr einsetze, was natürlich die ganze Kreuzhebe-Sache recht unnütz macht. Mit korrigierter Form schnellen auch die Gewichte nach oben.

Vor zwei Wochen dann erhielt ich ein E-Mail der Swiss Federation of Strongman Athletes. Ich hatte mit dem Präsidenten des Vereins, Stefan Ramseier, vor einiger Zeit Kontakt, da mein Trainer gefragt hat, wohin ich mit meinem Training will und da fiel zum ersten Mal der Begriff Strongman mit einem ernstgemeinten „Du könntest doch…“ davor. Im Mail hat mich Stefan Ramseier zu einem offenen Training eingeladen. Eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lassen wollte.

Das Einfache zuerst: Yoke Walk

Der Yoke Walk ist ein Klassiker der Strongman-Disziplinen. Wie die meisten Übungen, ist er recht simpel aufgebaut. Gewicht wird auf den Schultern möglichst schnell über eine gewisse Distanz getragen.

Der Yoke Walk ist auch die erste Disziplin, an der wir an diesem Samstag im Schweizer Städtchen Burgdorf arbeiten. Es stellt sich heraus, dass ich der einzige komplette Neuling in der Runde bin. Das ist auch schon bei der Kleidung auffallend. Ich habe keinen Gewichthebergürtel, keine Kompressionen und trage normale Turnschuhe. Im Vergleich mit Leuten wie Dawid Ksobiak, bin ich klein und schmächtig und eigentlich nur so ein Typ, der grade eine lustige Idee hatte. Trotzdem macht sich niemand über mich lustig oder lässt einen dummen Spruch laufen. Im Gegenteil. Während des ganzen Trainings sind alle Anwesenden extrem freundlich und hilfsbereit. Von wegen böse Giganten.

Dawid Ksobiak

Dawid Ksobiak geht mit 320kg auf seinen Schultern spazieren. Foto: Dawid Ksobiak.

Ich werde von Stefan Ramseier eingewiesen. Heben wie beim Squat, möglichst keine Bewegungen im Oberkörper und bevor ich losgehe, entweder einmal durchatmen oder auf drei zählen. Der Grund: So kann das Yoke sich nach dem ersten Heben einpendeln und schwingt nicht hin und her, wenn ich gehe. Das geht recht gut. Doch schon nach den ersten paar Metern soll ich die Gewichte, nur etwas über 100kg, wieder abstellen. Der Grund: Meine Schuhe sind Laufschuhe. Damit kann ich keinen festen Stand haben. Zudem seien sie alt und ausgelatscht. Ich ziehe also meine Doc Martens an.

Doc Martens

Gutes Schuhwerk ist von grosser Wichtigkeit. Ein sicherer Stand muss gegeben sein. Daher habe ich in meinen Doc Martens trainiert.

Damit läuft es sich wesentlich besser. Doch nach zwei Runden à 30 Meter mit 230kg auf meinen Schultern ist bei mir Schluss. Dawid Ksobiak hievt diese Gewichte herum, als wären sie wenig. Am Ende macht er es uns allen vor und legt schnelle 30 Meter mit 320kg hin. Das ist das mit Abstand beeindruckendste, was ich in meinem Leben gesehen habe. Generell. Im Verlauf des Trainings ist Ksobiak der, den wir rufen, wenn keiner mehr Gewichte heben kann.

Clean and Press – Bitte erschiesst mich

Clean and Press ist die Übung, von der ich ausgehen muss, dass ich am schlechtesten bin. Ich liege mit dieser Annahme aber falsch, wie sich im weiteren Verlauf des Trainings zeigen wird.

Das Konzept ist einfach: Eine fette Stange – eine sogenannte Apollo Axle – mit Gewichten daran wird vom Boden aufgehoben und über den Kopf gestossen.

Da die Stange etwa doppelt so dick ist, wie die, mit der ich in meinem Fitnesscenter trainiert habe, fällt mir als erstes auf, dass sie extrem unhandlich ist. Ramseier hat mich davor gewarnt, dass diese Unhandlichkeit Teil des Konzeptes der Strongman-Übungen sei. Doch schon im Training fällt mir der Wechsel vom Ziehen zum Stossen schwer. Im Training schaffe ich genau 60kg vom Boden bis über meinen Kopf. Trotz der guten Ratschläge von Stefan Ramseier und Niklas Jäggi, Head Coach von CrossFit Bern, scheide ich als erster bei unserem Wettbewerb aus. Ich schaffe es, die 70 Kilo bis auf meinen Brustkorb zu hieven, aber kann sie dann nicht weiter stossen, auch wenn ich mittlerweile einen Gewichthebergürtel trage.

Trotzdem: Keiner lacht mich aus. Im Gegenteil. Ich erhalte Hilfe und Ratschläge, wo ich frage und werde aufmerksam beobachtet.

Power Stairs – Der Schmerz beginnt

Die dritte Disziplin an diesem Samstag sind die Power Stairs. Ein Gewicht von der Grösse eines Migros-Einkaufssacks muss 40cm auf eine Stufe gehoben werden. „Im Wesentlichen ein Deadlift“, sagt mir Niklas Jäggi und will zuerst meine Form sehen, bevor ich mich daran mache, 120kg zu heben. Im Training schaffe ich 140kg mit drei Repetitionen. Easy, denke ich mir. „Stell deinen Fuss etwas weiter V-förmig und denke dir im Kopf, dass du das Gewicht auf dein linkes Bein stellst. Du belastest dein Rechtes weit mehr als dein Linkes“, sagt er.

Als erstes fällt mir aber auf, dass der Griff am Gewicht nur wenig breiter ist als meine zwei Fäuste. Also nichts von wegen breiter Stange. Ich hebe an. Schon nach wenigen Sekunden wird mir klar, dass die Power Stairs eine ganz andere Sache sind, als ein Deadlift. Ich merke, dass ich nicht atmen kann, setze das Gewicht ab und stütze mich keuchend an einen Betonpfeiler. Stefan Ramseier erklärt mir, dass die Übung den Brustkorb einengt und so die Atmung erschwert. Das sei Absicht. Ich keuche als Antwort. Wenigstens ist mir nicht mehr schwarz vor Augen.

Auf einmal merke ich, dass ich Hunger habe. Nicht im Sinne von „Ich könnte etwas zu essen vertragen“ oder „Es ist Zeit für eine Mahlzeit“, sondern viel roher. Ich brauche Treibstoff. Während Dawid Ksobiak Salami isst, esse ich einer meiner eingepackten Haferflocken-Schokolade-Snacks, die ich für diesen Zweck mitgebracht habe. Mit normalem Hüngerchen hat das aber nichts mehr zu tun. Es ist hier, an dem meine Grenzerfahrung beginnt, denn das Strongman-Training bringt mich an meine Grenzen und etwas darüber hinaus. Es muss aber noch einmal festgestellt werden, dass alles an diesem Samstag unter Aufsicht von Profis mit detaillierter Instruktion geschieht.

Farmer’s Walk – Moment, wie schwer ist das?

Stefan Ramseier bringt zwei Stücke Eisenbahnschiene mit Handgriffen daran. Es folgt der Farmer’s Walk. Ich sehe meinen Moment gekommen, denn das ist die eine Übung, auf die ich mich habe vorbereiten können. Im Fitnesscenter habe ich zwei Kurzhanteln mit je 40kg Gewicht, mit denen ich trainiert habe. Weil so komplex ist ein Farmer’s Walk nicht. Hände an die Griffe, Rücken gerade, heben, gehen.

Die Eisenbahnschienen Ramseiers wiegen je 54kg.

Ich weiss nicht mehr, wie ich schaffe, aber auf einmal stehe ich da, 54kg Eisenbahnschiene in jeder Hand. Das Gehen ist kein Problem, das Heben hingegen schon. Die Muskeln in meinem Rücken schreien zwar, dass jetzt dann aber mal gut sei, aber ich halte durch. Dreissig Meter und ich setze die Schienen ab. Ramseier packt 10kg drauf. Die hebe ich nicht mehr. Der Wettbewerb geht so lange weiter, bis Dawid Ksobiak die Gewichte mit zu viel Schwung absetzt und die Halterung für die Gewichtsscheiben an den Eisenbahnschienen abbricht. Wir lachen herzhaft darüber. Generell kommt in der Runde nie die Stimmung auf, als ob da Rivalen am Werk sind. Alle starken Männer achten aufeinander und helfen, wo es nur geht. Dies trotz der Tatsache, dass mit Ausnahme des Autoren dieses Textes alle für einen Wettkampf trainieren, an dem sie gegeneinander antreten werden.

Ich bin total ausgelaugt. Ich kann nicht mehr. Der Akt des Gehens alleine ist schon spannend. Irgendwie trägt es mich von einem Ort zum anderen, aber so wirklich gehen kann ich das nicht mehr nennen. Ich habe mehr von diesem urzeitlichen Hunger. Ich denke an den Film The Nice Guys, mit Russell Crowe und Ryan Gosling in den Hauptrollen, den ich am Vorabend gesehen habe. In einer Szene sagt Goslings Charakter Folgendes.

Ich bin unsterblich. Das ist das Einzige, das Sinn ergibt.

Ryan Gosling, The Nice Guys

Einverstanden.

Tire Flip – Zu guterletzt

Der Reifen wiegt 350kg. Wir Männer wiegen weit weniger. Wir sollen den Reifen sechs Mal aufstellen und dann wieder fallen lassen. Also, sechs Mal pro Kopf. Ich sitze auf einem Atlas Stone und sehe zu, wie die Jungs das machen. Souverän, geübt, beneidenswert.

Und irgendwo finde ich etwas Kraft. Ein letztes Bisschen. Denn so oft bekomme ich die Chance nicht, an echtem Strongman-Equipment zu trainieren und der Tire Flip ist einer meiner Favoriten. Einfach nur, weil das auf YouTube immer so gut aussieht. Da kann es nicht sein, dass ich just bei dieser Übung aussetze und mir das entgehen lasse. Ich stehe auf, mache mich auf in Richtung Reifen. Es sind die anderen, die mir hier Mut machen. Kaum in die Hocke gegangen, höre ich „Beine weiter nach hinten und weiter auseinander. Die Kraft kommt aus dem Brustkorb“, sagt einer. Ich folge. Ich bin erstaunt darüber, dass die Jungs den wohl schwächsten Strongman der Schweiz ernst nehmen.

Der Reifen bewegt sich. „Los! Komm schon!“ höre ich dumpf. Ich gebe alles. Ich bin mir fast sicher, dass ich den Reifen fast aufgestellt habe. Er knallt wieder auf den Boden. Ich habe diesen Knall verursacht, indem ich einen 350kg schweren Reifen angehoben habe und ihn wieder fallen gelassen habe. Ich bin stolz.

Hunger!

Das Training endet. Es hat eine Stunde gedauert. Mehr wäre wohl auch nicht drin gewesen. Wir sind alle müde. Wir verabschieden uns voneinander. Ich ziehe meinen geliehenen Gewichthebergürtel aus und will ihn zurückgeben. Stefan Ramseier sagt, ich solle ihn behalten. Aber unter der Bedingung, dass ich ihn benutze. Ich verspreche das gerne.

Ich gehe nach draussen. Das Licht blendet. Ich verstehe nun, wieso die Grössen des Sports alle paar Stunden essen. Ich muss essen. Trinken. Im nahegelegenen Bahnhofshop kaufe ich mir zwei Dosen Süssgetränk, eine Banane, einen Donut, eine Packung Kekse und ein Sandwich. Die Banane überlebt etwa 10 Sekunden und schmeckt wie die beste Banane aller Zeiten. Der Donut hat eine Lebensspanne von etwa 20 Sekunden, eine Dose Getränk leere ich auf dem Weg von meinem Stehtisch zum Abfalleimer. Das Sandwich zu essen dauert etwas länger, was mir aber egal ist. Ich brauche Treibstoff. Ich muss alles essen, was ich habe. Es geht nicht anders.

Ich bin kaputt. Ich bin fertig. Für den Moment jedenfalls. Ich werde beim nächsten Training wieder dabei sein. Bis dahin kuriere ich meinen Rücken aus, trainiere meine Deadlifts und versuche, meine Beweglichkeit wie auch meine Stabilität zu verbessern. Strongman-Training und der Sport allgemein ist nichts für die, die sich im Fitness-Center gut-aussehend vor den Spiegel stellen und lautstark bei Biceps Curls grunzen, damit sie auch ja alle anschauen. Es ist ein Sport. Es ist ein Sport für Leute, die sich Sorge tragen, sich nicht beweisen müssen und vor allem solche, die stark sind.

Die Männer, mit denen ich trainiert habe, scheinen übermenschlich stark, aber sie sind Typen wie du und ich. Sie haben hart trainiert und erbringen Leistungen, die sich andere nicht einmal vorstellen können. Sie sind einfach viel stärker als der Durchschnittsmensch.

Ich habe ein Ziel.

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The author

Hebt schwere Dinge und setzt sie wieder ab. Schreibt dann und wann wieder. Macht die technische Administration dieser Site.

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